Battlefield: Hardline - Persönliches Fazit nach 50 Spielrunden

Battlefield: Hardline - Persönliches Fazit nach 50 Spielrunden

Wieder und wieder erzählen Steve Papoutsis von Visceral Games und Karl-Magnus Troedsson von DICE gegenüber der internationalen Fachpresse dieselbe Geschichte: Vor drei Jahren schon traf man sich in Barcelona und besprach eine kühne Idee, die man gemeinsam Patrick Söderlund, dem Vizepräsidenten von EA Studios, vorgetragen hat. Söderlund zeigte sich offen gegenüber diesem Vorschlag, stellte aber eine Bedinung an Papoutsis. Diese sah vor, dass Visceral Games zunächst eine Erweiterungspaket für Battlefield 3 erstellt. Und so kam es, dass Visceral Games für den Battlefield-3-DLC End Game verantwortlich zeichnete. Allem Anschein nach sah man bei Electronic Arts die Bedingung erfüllt und war überzeugt, dass Visceral Games auch Battlefield-Spiele erschaffen kann.

Patrick Söderlund gegenüber polygon.com
Stellt sicher, dass Visceral erst einmal ein Erweiterungspaket entwickelt, ehe sie ein eigenes Spiel umsetzen, sodass sie wirklich verstehen, was es braucht, um ein Battlefield-Spiel zu erschaffen.

Demzufolge hat man seitens Electronic Arts großes Vertrauen in Visceral Games und ist überzeugt, dass die Kalifornier in die Fußstapfen des schwedischen Entwicklerstudios DICE treten können und die Schöpfer der Dead Space-Reihe wissen, was man braucht, um ein Battlefield-Spiel zu erschaffen. Die Frage muss daher lauten: Wie kann dann noch soetwas wie Hardline passieren?

Vorweg: Ich habe Battlefield: Hardline konsumiert wie ein Großteil der Spieler. Auf zufällig ausgewählten, öffentlichen Servern, gelegentlich gemeinsam mit Freunden. Ich halte nicht nur die objektive Qualität eines Videospiels für wichtig, sondern auch die Art und Weise wie Spieler in aller Welt das Game nutzen. Das wirkt sich unmittelbar auf meine Kaufentscheidung aus. Denn das eine ist das, was die Entwickler uns liefern. Das andere ist, was die Spielergemeinde aus dem Titel herausholt und so eventuell den Spielspaß fördert oder ruiniert. Daher werde ich auch diese Eindrücke im Folgenden schildern.

Durchschnittliche Rundendauer in BF: Hardline: 9,3 Minuten
Um 50 Spielrunden in Battlefield: Hardline abzuschließen, habe ich sieben Stunden und 45 Minuten benötigt. Im Durchschnitt also dauert eine Runde gerade einmal 9,3 Minuten. Zum Vergleich: Für 487 Spielrunden in Battlefield 4 habe ich 180 Stunden und 17 Minuten Spielzeit investiert, das macht im Schnitt eine Rundendauer von 22,2 Minuten. Allein das spricht Bände über die Inhalte von Battlefield: Hardline.

Visceral Games wirft alles Bewährte über den Haufen
Ein Videospiel, welches den Titel Battlefield trägt, steht seit jeher für riesige Schlachtfelder und abwechslungsreiche Kämpfe zu Land, zu Wasser und in der Luft. Das war in Battlefield 1942 schon so und das war zuletzt auch in Battlefield 4 so. Die Spieler dürfen jegliches Kampfgerät einsetzen, das Räder, Ketten, Flügel oder Rotoren hat. Besser gesagt: durften. Denn mit Battlefield: Hardline wirft die Spieleschmiede Visceral Games all das über den Haufen, was ein Battlefield eigentlich ausmacht.

"Blood Money" und "Heist" - Teamplay adé
Die während der geschlossenen Beta-Phase spielbaren Spielmodi in Battlefield: Hardline heißen Blood Money und Heist. In Blood Money kontrollieren beide Teams, sowohl die Cops als auch die Kriminellen, einen Geldtransporter. Wer seinen Truck zuerst mit fünf Millionen Dollar belädt, gewinnt. In der Mitte der Karte befindet sich eine unerschöpfliche Geldquelle, an der sich die Gesetzeshüter wie auch die Kriminellen bedienen. Außerdem können beide Teams Geldvorräte aus dem feindlichen Tresor stehlen. Exemplarisch haben wir eine Runde Blood Money für euch aufgezeichnet.

 

Heist startet actionreich mit einem vorprogrammierten Event. Ein Polizei-Konvoi braust über eine Brücke inmitten der Stadt Los Angeles, aus dem Nichts fliegen dann zwei Raketen in Richtung der Geldtransporter. Flammen steigen auf, ein kleines Inferno bricht los, Autos überschlagen sich und ein Truck kracht die Brücke herunter. Beim ersten Mal toll anzusehen, nach mehr als zwanzig Runden aber nichts Besonderes mehr. Kommen die gepanzerten Trucks nämlich zum Stehen, müssen die Kriminellen Sprengsätze daran platzieren. Der Timer ist auf 45 Sekunden eingestellt. Indes müssen die Polizisten die bösen Jungs an ihrem Vorhaben hindern. Von Battlefield: Bad Company 2 bis Battlefield 4 hieß dieser Spielmodus noch Rush. Sobald die Türen der Geldtransporter offen stehen, gilt es für die Kriminellen, deren wertvolle Fracht zu entnehmen. Die beiden Taschen mit der ganz großen Kohle müssen dann nur noch an jeweils einen Fluchtweg gebracht werden, dann ist die Runde für die Kriminellen gewonnen. Die Cops gewinnen, sobald die Räuber keine Tickets mehr übrig haben.

 

Die in der geschlossenen Beta spielbare Karte High Tension ist für Battlefield-Verhältnisse winzig. Einerseits wegen der schlichten Tatsache, dass die Karte wirklich klein ist. Andererseits aber auch, weil es keine zwei Tage gedauert hat, da haben sich in beiden Spielmodi unter allen Beta-Teilnehmern zum größten Teil dieselben Laufwege etabliert. Dieser Umstand lässt die ohnehin kleine Karte noch einmal kleiner erscheinen. Keine weitläufigen Grünflächen mehr, keine Hügel mehr, von denen man aus eine feindliche Flagge auskundschaften kann. Stattdessen Häuserschluchten mit schlauchigen, immer denselben Laufwegen. Erster Negativpunkt.

Erschwerend hinzu kommt, dass viele Spieler sich gar nicht um das eigentliche Ziel scheren. In Blood Money hocken die meisten Spieler über der Geldquelle in der Kartenmitte und warten darauf, bis jemand blöd genug ist, sein Team voranbringen zu wollen. In Heist hingegen verteilen sich oftmals die verteidigenden Cops auf die ohnehin nie wechselnden Laufwege der Angreifer, sodass man als Krimineller irgendwann schon blind auf die Ecken in den Treppenhäusern schießen kann und sogar noch jemanden trifft. Erschreckend häufig kommt es aber vor, dass eines der beiden Teams pennt und aus den beiden Spielmodi einfach eine Runde Spontan-Team-Deathmatch macht. Wenn man nämlich tatsächlich konsequent die Spielziele verfolgt und Druck macht, ist so eine Runde Battlefield: Hardline auch mal nach vier Minuten zu Ende. Zweiter Negativpunkt.

Auch der mobile Einstiegspunkt erhöht das Spieltempo - theoretisch. Einige Spieler gehen damit nämlich auf eine private Spritztour fernab des Geschehens und nehmen vielleicht ab und an mal einen Scharfschützen auf die Motorhaube. Andere Spieler mit viel Erfahrung platzieren den mobilen Einstiegspunkt zwar an einem cleveren Ort, es ist aber meist nur eine Sache von Sekunden, bis ein wieder anderer Spieler sich mit dem gepanzerten Truck aus dem Staub macht. Dritter Negativpunkt.

Alles in allem ist das nur die Spitze des Eisberges der Dinge, die auf Dauer den Spielspaß massiv trüben. Mit jeder neuen Runde fallen einem Dinge auf, wegen derer man das Spiel eigentlich sofort ausmachen möchte. Von den vollkommen überflüssigen Fahrzeugen in Battlfield: Hardline sehe ich an dieser Stelle einfach mal ab. Auf einen Schuldigen möchte ich mich an dieser Stelle nicht festlegen. Es sind die Entwickler, welche uns Spieler zum Campen einladen. Es sind aber auch die Spieler, welche das Teamplay ad absurdum führen, nicht auf ihre Mitspieler achten und einfach möglichst viele Abschüsse erzielen möchten. Das Resultat bleibt dasselbe: Ein richtiges Battlefield-Gefühl kommt beim Spielen nicht auf.

Viele Logiklücken
Die Marke Battlefield ist zwar keine ultra-realistische Militärsimulation. Es ist und bleibt ein Spiel, welches möglichst vielen Menschen Spaß machen soll. Dennoch: Das Szenario Nation-gegen-Nation war immer an die Realität angelehnt. Originalgetreue Schießeisen, Fahrzeuge, Flugzeuge und Boote. Gerade die Waffenhandhabung war realistisch. Als Spieler muss man den Rückstoß bändigen, die Streuung beachten und als Scharfschütze sogar die Gravitation mit einbeziehen, da abgefeuerte Projektile einer ballistischen Bahn folgten. Das ist nicht in allen Shootern so.

Auch hier wirft Battlefield: Hardline alles Bewährte über den Haufen, was letztlich der Atmosphäre schadet. Polizisten wie auch Kriminelle nämlich kämpfen zum Beispiel mit hochmodernem militärischen Equipment. Beide Seiten verfügen zudem über je ein Fahrzeug, an dem ein Granatwerfer und ein Maschinengewehr montiert ist.

Ebenfalls fragwürdig: In Battlefield: Hardline sammelt ihr keine Erfahrungspunkte mehr und steigt im Rang auf. Nein, ihr verdient euch für eure Aktionen im Spiel, etwa das Töten von Widersachern, Geld. Je mehr Kriminelle ihr als Gesetzeshüter umpustet, desto reicher werdet ihr belohnt.

Darüber hinaus fallen einem beim Spielen immer wieder zahlreiche Kleinigkeiten auf. Wenn ihr in Battlefield: Hardline mit einer RPG auf ein handelsübliches Fahrzeug schießt, richtet ihr denselben Schaden an, den ihr in Battlefield 4 noch einem stählernen Panzer zugefügt habt. Hier wäre es glaubwürdiger und sinnvoller gewesen, die Zahl der mitgeführten Raketen auf eine oder zwei zu beschränken und den Schaden an Fahrzeugen deutlich zu erhöhen. Denn mal ehrlich: Als Fahrer muss man sich derzeit keine Sorgen machen, von einer Rakete getroffen zu werden.

Und obwohl sich das Kampfgeschehen im Herzen von Los Angeles zuträgt, ist nicht einmal annähernd das eigentliche Leben der ruhmreichen Metropole zu erahnen. Zwar verrät einem der Ladebildschirm, dass der Bürgermeister den umkämpften Stadtteil habe abriegeln lassen. Doch wie schnell kann das schon gehen? Hier wäre es glaubwürdiger gewesen, zumindest am Rundenanfang eine lebendige Spielwelt zu haben. Wenn dann die ersten Schüsse fallen, fliehen schaulustige Zivilisten. Wer versehentlich einen Unschuldigen anschießt, bekommt - ähnlich wie bei einem Teamkill - Strafpunkte aufgebrummt. Das hätte das neue Szenario um einiges glaubwürdiger gemacht.

An wen also richtet sich Battlefield: Hardline?
Ein richtiges Battlefield ist Hardline nicht. Dafür fehlt der Spielmodus Eroberung, dafür fehlen die vielen Fahrzeuge, dafür fehlt der taktische Tiefgang und der Reiz, sich einer Flagge von verschiedenen Richtungen aus zu nähern, wenn es beim ersten Mal nicht klappt. Veteranen der Serie empfehle ich, Battlefield: Hardline auszulassen und auf einen würdigen Nachfolger zu warten. Dennoch ist Hardline ein Shooter und läuft stabil. Wer also gerne mal eine digitale Waffe in die Hand nimmt und ein paar anspruchslose Runden zwischendurch daddeln will, ohne sich auf verschiedene Situationen, wie etwa der Konfrontation mit einem Panzer, einstellen zu müssen, ohne taktisch klug spielen zu müssen, ohne auf seine Mitstreiter achten zu wollen, ist mit Battlefield: Hardline gut beraten. Mich werdet ihr nach diesen 50 Runden kein weiteres Mal mehr im Spiel sehen.

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